Das Förstermärchen von der "Artenarmut im dunklen Buchenwald"

Foto: Susanne Ecker
Foto: Susanne Ecker

von Franz-Josef Adrian

 

Es war einmal ein Förster, der erzählte gerne das Märchen von der „Artenarmut im dunklen Buchenwald". Er klagte darüber, dass es in „dichten Buchenwäldern“ zu einer „Reduzierung der Artenvielfalt“ komme. Schuld daran sei die „Lichtarmut am Boden“ wegen des geschlossenen Kronendachs der Buchen. So würden arme lichtbedürftige Arten verdrängt. Der böse Wald mit seinem dichten Baumbestand sei schlicht zu dunkel! Auf gar keinen Fall dürfe man ihn sich selbst überlassen. Der Wald bedürfe der vernünftigen „Pflege“ des Försters. Zum Wohle der Artenvielfalt müssten Bäume „entnommen“ werden. Durch die Baumfällungen werde das Baumkronendach ordentlich „gelichtet“. So gelange mehr Licht auf den Waldboden, und wo mehr Licht sei, da könne auch endlich etwas wachsen. Gerne erzählte dieser Förster dann von den Brombeer-, Himbeer- und Holundersträuchern und den vielen guten Kräutern, die nach der „Pflege“ endlich wieder Licht zum Wachsen hätten.

 

 

Das Märchen von der vermeintlichen Artenarmut im Buchenwald ist in den letzten Jahren einer gründlichen Kritik unterzogen worden. (siehe z. B. den Aufsatz "Mythos Artenarmut - Biodiversität von Buchenwäldern" von Thorsten Assmann u. a., Natur und Landschaft, Heft 9/10 2007, S. 401 - 406).

Wenn Förster das Märchen trotzdem erzählen, beweisen sie entweder ihre Unkenntnis der Fachliteratur oder die bewusste Absicht, Baumfällungen durch falsche Behauptungen zu rechtfertigen.

 

 

Aktueller Stand der Forschung ist:

 

· Nach umfangreichen Baumfällungen erhöht sich ohne Frage die Artenvielfalt.

 

Aber:

 

In die offenen, nun baumlosen Flächen dringen Arten ein, die gar nicht in einen naturbelassenen Buchenwald hineingehören: Adlerfarn, Weidenröschen, Springkraut, Flatterbinse, Brennnessel usw. sind keine Waldarten, sondern Offenlandarten. Wo aber sollen auf den kahlen Flächen Spechte, Fledermäuse und Holzkäfer ihre Höhlen finden?

 

  • Viele der Offenlandarten zeigen darüberhinaus Schäden des Waldbodens an, die durch die tonnenschwere Harvester und Rückeschlepper verursacht worden sind: So wachsen die feuchtigkeitsliebenden Binsen gerne in Rückegassen, wo der Boden durch das Befahren verdichtet wurde und Regenwasser sich staut und nicht mehr abläuft.
  • Nur eines von unzähligen Beispielen für den schier unglaublichen Artenreichtum in Buchenwäldern ist der Hainich-Nationalpark. Seine Wälder wurden seit Jahrzehnten nicht von Förstern „aufgelichtet“ und „gepflegt“. Es wurden rund 8.600 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten gezählt: „Bei den Wirbeltieren sind 49 Säugetierarten nachgewiesen, darunter […] 15 Fledermausarten, 189 Vogel-, 13 Amphibien- und 5 Reptilienarten. Bedeutend größere Zahlen erreichen die Insekten. Unter anderem sind 800 Schmetterlings- und fast 1.300 Zweiflüglerarten (Fliegen und Mücken) festgestellt worden. Die größte Gruppe mit derzeit 2.144 Arten sind die Käfer […]. 521 davon sind holzbewohnende Käfer.“ (Artenvielfalt im Nationalpark Hainich, Pressemitteilung vom 18.2.2011) Ähnliche Belege für die Artenvielfalt von Buchenwäldern liegen aus anderen Nationalparks vor.
  • Auch in nicht bewirtschafteten Naturwaldreservaten, die verglichen mit den großen Nationalparks nur sehr klein sind, werden regelmäßig sehr hohe Artenzahlen nachgewiesen. So leben in dem nur rd. 10 ha großen Naturwaldreservat Waldhaus im Steigerwald sage und schreibe 1.305 Arten: u. a. 407 Pilze, 349 Nachtschmetterlinge, 289 Holzkäfer, 96 Pflanzen, 36 Vögel und 15 Fledermäuse. (Ulrich Mergner, Das Trittsteinkonzept, Rauhenebrach 2018, S. 18)
  • Auch vorbildlich naturnah bewirtschaftete Wälder wie beispielsweise der Lübecker Stadtwald zeigen eine hohe Vielfalt von Waldarten.

 

Die Behauptung, Buchenwälder seien artenarm und die Artenvielfalt profitiere von Baumfällungen, ist also Unsinn. Es ist eines von zahlreichen Förstermärchen.

 

Foto: Petra Ludwig-Sidow - Frühling im Buchenwald in Vorpommern
Foto: Petra Ludwig-Sidow - Frühling im Buchenwald in Vorpommern