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Experte Pierre Ibisch im DLF zum Waldsterben: „Uns sollte wirklich mulmig werden“

Hinhören lohnt sich! In einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur vom 24.07.2019 stellt der deutsche Biologe und Professor für „Nature Conservation“ an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde Beobachtungen und Forschungsergebnisse zur aktuellen Situation der Wälder im Klimawandel vor.

 

Dabei legt er konsequent den Finger in die Wunde menschlichen Umgangs mit dem Wald, die bei Berichten über den Klimawandel fast durchgängig in den Hintergrund rückt: die Art der forstlichen Bewirtschaftung.

 

Aktuell sterben die Fichten, weil sie an standortfremden Stellen aus wirtschaftlichen Gründen - meist als Monokultur - gepflanzt wurden. Jetzt mit drastischen Folgen: als Gebirgsbaum im feuchtkühlen Klima stehen sie in der Hitze des Tieflandes auf verlorenem Posten.

 

Ibisch ergänzt, dass die heimischen Buchenwälder ebenfalls leiden, doch nicht nur als Folge der Klimaerhitzung. Die Intensität der Bewirtschaftung mit starker Auflichtung (Schirmschlag) und hoher Entnahme von Biomasse, mit Rückegassen und bodenverdichtendem Schwermaschineneinsatz trage entscheidend zur Dramatik der Waldschäden bei. Forschungen zeigten, dass Wälder, die weniger stark genutzt werden, messbar kühler sind und einen besseren Feuchtigkeitshaushalt haben. Dadurch gewinnt der Wald an Zeit.

 

Je wärmer es wird, desto mehr müssen also die Praktiken der Waldnutzung hinterfragt werden. Zur Debatte stehen vor allem die Intensität und der Zeitpunkt des Einschlags. Der Forscher zeigt sich verständnislos, dass selbst im August noch in gestresste Buchenwälder eingeschlagen werde. Ibisch bemängelt weiter, dass logistische und ökonomische Zwänge dazu führten, dass man in der Forstwirtschaft gegen die „Gute Fachliche Praxis“ verstoße. Deutschland habe es aufgrund des Widerstands der Forstlobby schon vor Jahren versäumt, Richtlinien der Bewirtschaftung in einem Gesetz ordentlich festzuschreiben.

 

Ein neues Bundeswaldgesetz mit einer genau definierten "Guten Fachlichen Praxis", wie die BBIWS es mit dieser Petition fordert, würde also auch nach Meinung des Experten den gesetzlichen Rahmen für eine wirklich ökologische, naturnahe und nachhaltige Forstwirtschaft stellen!

 

Weiter bestätigt Ibisch die Forderung vieler Waldschützer, nicht nur Schutzgebiete, sondern auch die Wirtschaftswälder stärker sich selbst zu überlassen. Wenn einzelne Baumarten ausfallen, gäbe es andere, die übernehmen könnten - die freie Entwicklung der Wälder bringe größere Strukturvielfalt und diese sei ganz entscheidend für die Widerstandskraft und Erholungsfähigkeit von Waldökosystemen.

 

Bei den Plänen zu Aufforstungen zähle in den Städten und ausgeräumten Agrarlandschaften sicher jeder Baum. Anders im Wald. Hier solle man mehr auf die natürliche Entwicklung setzen und vor allem nicht Arten von überall her einbringen nach dem Verzweiflungsmotto: „Wir suchen jetzt den Superbaum“!

 

Fazit: Wir dürfen nicht den Fehler machen zu glauben, wir seien klüger als die Natur. Und neue willkürlichen Pflanzmaßnahmen laufen Gefahr, die Wald-Ökosysteme weiter zu schädigen.

 

Das Interview zum Nachhören:

 

https://www.deutschlandfunkkultur.de/naturforscher-pierre-ibisch-ueber-das-waldsterben-uns.1008.de.html?dram:article_id=454618