NRW: "Heile Welt"? Fragwürdige Auszeichnung der Waldbewirtschaftung im Stadtwald Mülheim a.d. Ruhr

Der Mülheimer Wald hat insgesamt ca. 1000 Hektar Fläche, die sich in mehrere Teilflächen über das Stadtgebiet aufteilen. Unter anderem sind das der Broich-Speldorfer-Wald, Witthausbusch und Wittkampbusch und Teile des Aubergs. Er dient hier in erster Linie der Erholungsnutzung und wird gemäß den Richtlinien des Naturland-Verbandes und des FSC (Forest Stewardship Council) bewirtschaftet. Mülheim verfügt dabei über 10 % Referenzflächen, die vollständig aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen wurden.

 

Damit ist Mülheim die einzige Stadt im Ruhrgebiet, die diese strengen Richtlinien der Waldbewirtschaftung erfüllt und einen so großen Teil des Waldes als Naturwald belässt. Entsprechend wurde der Mülheimer Stadtwald 1998 mit dem Naturland - Zertifikat für ökologische Waldnutzung ausgezeichnet. Die Richtlinien für diese Auszeichnung wurden in Kooperation mit Greenpeace, BUND, WWF, Robin Wood und anderen anerkannten Umweltschutzverbänden erarbeitet. Darüber hinaus erhielt der Stadtwald im Januar 1999 das internationale Zertifikat des "Forest Stewardship Council" (FSC). Mülheim hat durch die Zertifizierung ein Gütesiegel für den besonders naturverträglich gewonnenen Rohstoff Holz erhalten. Dies sei zurückzuführen auf konsequente naturgemäße Waldbewirtschaftung durch die städtische Forstverwaltung seit 1989, so kann man auf der Internetseite der Stadt Mülheim lesen.

 

Die folgenden Bilder passen allerdings in diese scheinbar heile Welt so gar nicht. Sie zeigen, wie ausgerechnet mitten im NSG Auberg großflächig ALLE alten Rotbuchen eingeschlagen wurden.

 

Fotos: S. von Winterfeld

Übrig bleibt eine mehr oder weniger kahle Fläche mit überwiegend sehr jungen Buchen, denen nun das schützende Kronendach der älteren Bäume und damit eine Beschattung im Sommer fehlt. Einige Bäume am Rande der tiefen Fahrspuren zeigen auch Verletzungen an der Rinde, offensichtlich verursacht durch eingesetzte Maschinen. Mülheim verwendet seit Jahren aufgrund mangelnden Personals, wie auch fehlender finanzieller Mittel kein Rückepferd mehr, sondern stattdessen eine Fällraupe mit Seilwinde. Diese soll nach Aussage des Oberförsters "fast bodenschonender als ein Pferdehuf" sein. Allerdings wird hin und wieder auch ein Harvester (ca. 20 Tonnen schwer) eingesetzt.

 

Da der Mülheimer Stadtwald vom Forstamt und der Stadt Mülheim als Erholungsort für die Bürger beschrieben wird, ist vollkommen unverständlich, weshalb es immer wieder zu einer solchen Waldverwüstung kommt. Auf Nachfrage beim Forstamt wurde mitgeteilt, dass  es sich um eine “ganz normale Durchforstung“ handele.

 

 

Zum einen fragen wir uns, ob eine solche Forstwirtschaft tatsächlich mit den Naturlandrichtlinien vereinbar ist, zum anderen sind wir entsetzt über die Massivität dieses Eingriffs, dessen Notwendigkeit sich nicht erschließt. Die eingeschlagenen Buchen waren alle gesund. Die ausgelichtete Fläche ist dank der “Pflegemaßnahme“ nun Hitze, Sonne und Sturm ausgesetzt, was sicherlich nicht gerade zur gesunden Entwicklung der jungen Bäume beitragen wird.

 

Durch die trockenen Sommer der letzten drei Jahre sind besonders Buchen in stark aufgelichteten Wäldern gefährdet, weil ihnen das feuchtkühle Innenklima fehlt. Der Boden trocknet aus, die Humusbildung lässt nach und die Baumrinde der verbliebenen Buchen leidet an Sonnenbrand. Man erreicht durch diese "pflegenden" Maßnahmen also gerade nicht, dass das Holz aus einem gesunden und resilienten Laubwald kommt. Die Art der Waldbewirtschaftung trägt entsprechend nicht dazu bei, dass sich unsere Wälder der Klimaveränderung anpassen, sondern begünstigt das Waldsterben durch unsensiblen Umgang mit der Natur.

 

Es ist für die Mülheimer Bürgerinitiative vollkommen unverständlich, warum noch immer der Schirmschlag im Buchenwald praktiziert wird, wo wir doch im Mülheimer Wald in vielen Bereichen gute Voraussetzungen für eine im ökologischen Sinn nachhaltige Forstwirtschaft hätten. Bereits 10% des Waldes sind aus der Bewirtschaftung genommen und dürfen sich ohne menschliche Eingriffe entwickeln. Nach der “Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“, die vom Bundesumweltministerium bereits 2007 entwickelt wurde, sollten bis zum Jahr 2020 5% der Wälder in Deutschland aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen werden. Bundesweit sind wir im Jahr 2021 aber gerade mal bei 2,8 %. Daran sieht man, wie gut wir in Mülheim eigentlich schon aufgestellt sind.

 

Außerdem setzt man überwiegend auf Naturverjüngung, was bedeutet, dass sich der junge Wald aus den Samen der älteren Bäume entwickelt. Dadurch ist der Wald bereits bestens an die vorherrschenden Bedingungen angepasst und gibt diese Eigenschaften an die nächste Generation weiter. Werden aber größere Flächen mit älteren Bäumen gleichzeitig „abgeräumt“, fehlt bei der nachwachsenden Baumgeneration die Altersdurchmischung, wie im Bild oben rechts deutlich zu sehen ist. Diese Maßnahme schadet nachweislich der Artenvielfalt, da alte Bäume für viele Tiere und Insekten wichtige Lebensräume sind, außerdem ist ein strukturreicher Wald resistenter gegen Hitzeperioden oder Sturm.

Die Bürgerinitiative Mülheimer Stadtwald fordert daher eine  Waldpflege, die diesen Namen verdient! Der Wald soll flächendeckend so bewirtschaftet werden, dass er sich strukturreich entwickeln kann und Bäume durch selektive Entnahme nur einzeln geerntet werden. Wir fordern zum Schutz des Waldbodens den Verzicht auf Schwermaschinen.

 

Die schützende Hand über unseren Wäldern ist so wichtig wie nie, denn Klimawandel und Waldsterben machen auch vor unserer Haustür nicht Halt. Daher können wir eine "Pflege" unseres Waldes in dieser Form und damit der Fällung aller gesunden alten Bäume mit Unterstützung bodenschädigender Maschinen absolut nicht gebrauchen!

 

 

Kontakt zur Bürgerinitiative:

 

BI Stadtwald Mülheim an der Ruhr: 

Sabine von Winterfeld

stadtwald-mh-ruhr@web.de

 

 

Die schönen und vielfältigen Seiten des Mülheimer Waldes - Fotos: S.von Winterfeld