Aktuelles Bayern: Raubbau oder Waldumbau?

von  Herbert Fahrnbauer

 

 

Es vergeht kein Tag, an dem der aufmerksame Bürger nicht erkennen muss, dass ihm wieder ein Teil seines wertvollen und oftmals geschützten Naherholungswaldes weggeerntet wurde. Seine nachvollziehbaren, begründeten Beschwerden und Proteste zu den permanent gesteigerten Holzeinschlägen, werden von den Verantwortlichen der Bayerischen Staatsforsten in der Regel ignoriert.

 

Erfahrungsgemäß sind die Vertreter der Bayerischen Staatsforsten zu keinerlei ernsthaften Gesprächen mit dem Bürger bereit. Mit dem Hinweis auf den Klimawandel und den daraus erforderlichen Waldumbau werden alle berechtigten Einwände „vom Tisch gewischt“.  Dies bestätigte sich wiederholt, als besorgte Bürger vor kurzem Vertreter des Forstbetriebes Nürnberg ansprachen, um zu verstehen, warum der Wald um Nürnberg (Bild links) bzw. der Nürnberger Reichswald (Bild rechts) in einem derart katastrophalen Zustand ist.

 

 

 

 

Der aktuell vorliegende Waldzustandsbericht 2020 dokumentiert wie bereits in den Jahren zuvor den äußerst schlechten Zustand des Waldes. Danach sind die Wälder in Deutschland massiv geschädigt. Die Ursache dafür ist im Wesentlichen die Anwendung der „guten fachlichen Praxis“, deren Ergebnisse - dargestellt im aktuellen Waldzustandsbericht 2020 - auf der Basis des deutschen Schulsystems mit der Note 6, d.h. ungenügend, bewertet werden müssen. Die derart massiven Auswirkungen einer über Jahrzehnte falschen Forstpolitik, praktisch umgesetzt durch eine industrielle Bewirtschaftung mittels schwerer Holzerntemaschinen sowie das Festhalten an den im erheblichen Umfang geschaffenen Monokulturen, lassen sich auch mit dem Hinweis auf den voranschreitenden Klimawandel nicht begründen.

 

Der Klimawandel zeigte sich insbesondere in den Jahren 2018 und 2019 durch Trockenheit und Hitze als weitere Störgröße für einen bereits erheblich vorgeschädigten Wald. Der sich stark vermehrende Borkenkäfer hatte zudem ein leichtes Spiel  in den Fichten-Monokulturen der Bayerischen Staatsforsten. Die Gründe dafür liegen insbesondere an den wirtschaftlichen Interessen der Forstwirtschaft, möglichst schnell wachsende Bäume mittels großer Erntemaschinen und geringem Personalaufwand rund um die Uhr und unabhängig von der Jahreszeit ernten zu können. Die Rahmenbedingungen dafür bilden langfristig angelegte Abnahmeverträge mit Sägewerken, deren Maschinen auf die Stämme der Bäume ausgelegt sind

 

Aktuelle Schlagzeilen der Tagespresse, beispielsweise aus der Süddeutschen Zeitung vom 30.März 2021, beleuchten dazu einen weiteren, bisher wenig beachteten Aspekt. Schlagzeilen, wie: „Warum den Zimmereien das Bauholz ausgeht“ oder „Holz ist zur Mangelware in Bayern geworden“ werfen weitere Fragezeichen auf. Die Lösung dafür ist ganz einfach mit einem stark ansteigenden Nadelholzexport nach China und in die USA zu erklären. Die größten Steigerungsraten weisen die chinesischen Importe aus Deutschland aus. Deutschland lieferte 2020 monatlich im Schnitt 530.000 m3 Nadelrundholz nach China und ist damit mittlerweile einer der größten Lieferanten für Nadelrundholz. Darüber hinaus ist Deutschland der mit Abstand wichtigste europäische Lieferant für Nadelschnittholz und Holzplatten in die USA. Bereits 2020 stiegen die deutschen Nadelholzexporte in die USA verglichen mit 2019 um 42% auf 1,63 Mio. Festmeter.

 

 

Das Ökosystem Wald und insbesondere die Artenvielfalt im Wald spielen dabei im Vergleich zu den wirtschaftlichen Interessen überhaupt keine Rolle. Ein direkter Vergleich mit der Landwirtschaft beweist, dass auch in der industriellen Landwirtschaft das Ökosystem Acker und dessen Artenvielfalt sowie die Bodenqualität überhaupt keine Rolle spielen. Entscheidend ist nur der erzielbare Ernteertrag z.B. für Mais, der großflächig mit Erntemaschinen angebaut und mit geringen Personalkosten und politisch subventioniert vermarktet wird.

 

Im Gegensatz zu der gesetzlich verpflichtenden Gleichrangigkeit der Waldfunktionen hinsichtlich ihrer Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion legt die Holzlobby ihren Fokus ausschließlich auf die Funktion des Waldes als Holzproduktionsstätte. Das häufig von der Forst- und Holzlobby gebrauchte Argument, „wonach doch mehr nachwächst als aus dem Wald entnommen wird“ ist in Bezug auf die tatsächliche Umweltbilanz vollkommen wertlos. Dies zeigt sich einmal dadurch, dass die CO2- Reduzierung und Filterwirkung von älteren Bäumen, bedingt durch die Photosynthese, deutlich höher ist als die von gerade gepflanzten oder nachwachsenden Bäumchen. Darüber hinaus ist auch das Verbrennen von Holz gegenüber Kohle, Öl oder Gas wie so oft behauptet nicht klimaneutral, da es immer auf den tatsächlichen Zeitpunkt der Verbrennung ankommt, an dem die Luftschadstoffe während des Verbrennungsvorgangs freiwerden.

 

 

Ein weiterer wichtiger Punkt im Waldzustandsbericht 2020 ist die Tatsache, dass noch nie so viele Erhebungsbäume abgestorben waren wie 2020. Darüber hinaus haben 4 von 5 Bäumen lichte Kronen, konkret 79% der Fichten, 80% der Kiefern, 80% der Eichen und 89% der Buchen.  Ein möglichst geschlossenes und damit unbeschädigtes Kronendach der Bäume, das für ein kühles Waldinnenklima zwingend erforderlich wäre, wird durch die großflächige industrielle Bewirtschaftung des Waldes zerstört. Die Folgen daraus sind eine zeitlich höhere Sonneneinstrahlung, damit verbunden eine stärkere Austrocknung der oftmals stark verdichteten Waldböden, sowie eine sich bereits im zeitigen Frühjahr zeigende erhöhte Waldbrandgefahr.

 

 

Das führt dazu, dass die nachwachsenden Generationen, gepflanzt oder naturverjüngt, äußerst schlechte Überlebenschancen haben, insbesondere dann, wenn zusätzlich auch noch eine längere Trockenphase ansteht wie in den Jahren 2018 bzw. 2019. Zudem wird auch die so enorm wichtige  Grundwasserneubildung deutlich reduziert, was sich sowohl unmittelbar auf die Wasserversorgung des Ökosystems Wald, als auch auf die Trinkwasserversorgung der Menschen negativ auswirkt.

 

 

Der Waldzustandsbericht 2020 zeigt damit schonungslos auf, dass eine industrielle Waldbewirtschaftung in der bisherigen Art und Weise weder ökologisch noch wirtschaftlich betrachtet nachhaltig ist.

 

Die Schadholzmengen sind deutlich gestiegen, die Widerstandsfähigkeit der Wälder nimmt rapide ab, die Abnahme der Artenvielfalt im Wald ist alarmierend. Die Kernfrage dazu lautet: „Findet jetzt ein wirkliches Umdenken in der Forstpolitik und der zukünftigen Waldbewirtschaftung statt“?

 

 

Die aktuelle Praxis zeigt leider, dass bei der Bewertung der Gleichrangigkeit der Waldfunktionen hinsichtlich ihrer Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion auch weiterhin nur die Nutzfunktion eine entscheidende Rolle spielen wird. Die Diskussion geht dabei nur darüber, welcher Zukunftsbaum (Z-Baum) bei der künftigen industriellen Waldbewirtschaftung möglichst schnell die größten Erträge abwerfen kann.

Eine der bekanntesten, in Deutschlands Wäldern nicht heimischen Baumarten ist die Nadelbaumart Douglasie. Ihre Heimat ist das westliche Nordamerika, von Mexiko bis Kanada, mit einer maximalen Höhe von ca. 100m, die dort bis zu 700 Jahre alt werden kann. Diese Douglasie soll also den bisherigen Brotbaum -die Fichte- ersetzen, da sie relativ trockenresistent, schneller wachsend als die Fichte ist und hervorragende holztechnologische Eigenschaften hat. Darüber hinaus ist die nationale wie auch internationale Nachfrage nach Nadelholz  für eine Verwendung als Bauholz (80% Nadelholz) auch weiterhin sehr groß. Die in der Forstwirtschaft bekannten Maßnahmen „abrasieren und douglasieren“ beschreiben den Weg, wo die Reise für die ertragsschwachen Laubholzbestände hingehen soll.

Neben der Douglasie gibt es noch eine ganze Reihe an gebietsfremden Baumarten in der forstwirtschaftlichen Diskussion. Die Risiken, dass diese invasiven Baumarten sich unkontrolliert ausbreiten, heimische Baumarten verdrängen und nicht mit der heimischen Tier- und Pflanzenwelt interagieren, sollten deshalb auf keinen Fall als zu gering bewertet werden.

 

 

Ein Blick auf die Plantagenforstwirtschaft in den Tropen und Subtropen bestätigt einmal mehr, dass diese Art der Forstbewirtschaftung auch dort nichts gemeinsam hat mit einer naturnahen Waldwirtschaft. Plantagen sind fast ausnahmslos Monokulturen, man arbeitet mit Düngung, Bewässerung und fast immer mit gezüchteten Arten. Es entstehen großflächige Hochleistungswälder, die auf maximalen Holzertrag getrimmt sind und nach einer kurzen Produktionszeit von 20 Jahren wieder kahlgeschlagen werden, mit fatalen ökologische Folgen wie Bodenerosion nach Kahlschlag, Entzug von Nährstoffen durch die Ernte und hoher Wasserverbrauch.

 

 

Abschließend stellt sich die Frage nach dem unbedingt erforderlichen Paradigmenwechsel, bei dem künftig tatsächlich das Ökosystem Wald mit seiner Artenvielfalt und der Naherholungswert für die Menschen in ihrem Bürgerwald eine deutliche Aufwertung erfahren. Aus meiner Sicht ist dieser absolut nicht zu erkennen, d.h. die Forstpolitik und Forstwirtschaft hat offenbar absolut nichts aus den in der Vergangenheit gemachten Fehlern gelernt. Damit sind hierzulande die nächsten Generationen an Monokulturen vorprogrammiert, genauso  wie in Südostasien, wo riesige Flächen an  Tropenwald auch weiterhin gerodet werden um beispielsweise dort durch Palmölplantagen ersetzt zu werden.